2. Zombie-Medien und ihr Einfluss auf Journalisten, Leser und Werber

zombiemedien

Wenn Sie mal einen Untoten treffen, versuchen Sie gar nicht erst mit ihm zu kommunizieren. Nehmen Sie Ihre Beine in die Hand oder schießen Sie ihm besser gleich mit einer Wumme die Rübe vom gammligen Kadaver. Rick Grimes, Hauptfigur der preisgekrönten AMC-Fernsehserie „The Walking Dead“, hat diese Lektion schmerzhaft lernen müssen. Doch man muss nicht erst sterben, um sich wie ein Golem aufzuführen 1. Im expressionistischen Meilenstein „Das Kabinett des Dr. Caligari“ 2 ist es Schlafwandler Cesare, der nachts ferngesteuert und mordend durch die Gassen zieht. Hier wird ein „Somnabuler zu Handlungen gezwungen, die er im wachen Zustand niemals begehen, ja sogar verabscheuen würde…“ 3. Wie ein Zombie dämmert er in einer Halbwelt zwischen „Da-Sein“ und „nicht Da-Sein“ 4. Womit die Lage vieler Medien hierzulande gleich zweifach treffend beschrieben wäre. Einst als vierte Gewalt unangefochten, fragen sich heute angesichts ihres Zustands selbst Experten: „Wozu noch Journalismus?“ 5 Diese Frage treibt alle Beteiligten um. Journalisten, die gute Arbeit abliefern wollen. Leser und Zuschauer, die Orientierung suchen. Und Werber wie PR-Experten, die ein glaubwürdiges Umfeld und eine hohe Verbreitung für ihre Botschaften brauchen. Leider sind die journalistischen Zombie-Medien von heute für all diese Hoffnungen zunehmend die falschen Adressaten.

Erfolg verdeckt so manche Stümperei

Wenden wir uns zunächst den deutschen Tageszeitungen zu. Im Jahr 2000 feierten die Verleger noch einen Boom. Es sollte der letzte gewesen sein. Zwar war die verkaufte Auflage verglichen zum Vorjahrzehnt schon erheblich eingebrochen – täglich wurden nur noch rund 23,7 Millionen Exemplare verkauft,  vier Millionen weniger als 1991. Dafür hatte der Gesamtumsatz ordentlich zugelegt und knackte erstmals die Marke von zehn Milliarden Euro 6. Auch die Umsatzrenditen waren in der Regel locker zweistellig. Doch wie hat es George Bernard Shaw so oder ähnlich formuliert: Erfolg verdeckt so manche Stümperei. Über Risiken und die Chancen des Internets, die eigenen Prozesse oder die eigene Qualität hatte man sich in den Chefetagen der Verlage damals wenige bis gar keine Gedanken gemacht. Seither jedoch kennen Auflage und Umsatz nur mehr eine Richtung: abwärts.

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), zentrales Lobbyorgan der Branche, redet diese Entwicklung 2013 mit den üblichen Kommunikationskniffen schön. Über 80 Prozent der Gesamtbevölkerung konsumierten Zeitungsinhalte auf unterschiedlichen Kanälen. Die Reichweiten seien „gestiegen“,  Zeitungen „ein stiller Riese“ 7. Selbst wenn man die Zahlen nicht infrage stellt: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Und das wird immer weniger. Die Umsätze liegen nur noch knapp über acht Milliarden Euro. Zugleich müssen immer mehr Kanäle bedient werden. Der organisatorische Aufwand steigt, die Renditen sinken – und das trotz eines beispiellosen Sparkurses, dem sich die gesamte Branche unterworfen hat. Das Geschäftsmodell, Werbeanzeigen neben Artikel zu drucken und dafür im Abonnement Geld zu verlangen, trägt im Massengeschäft nicht mehr. Medienunternehmen befinden sich ohnehin in einer besonderen Marktsituation: „Für den Content sind der Leser-, Zuschauer- und Usermarkt relevant. Die Werbeleistungen hingegen werden auf dem Werbemarkt mit der werbetreibenden Industrie gehandelt. (…) Ein Verlust der Reichweite wirkt sich automatisch auf die Vertriebs- und Werbeerlöse aus.“ 8 Tageszeitungen haben allein im Jahr 2012 – in einem für Deutschland enorm günstigen Konjunkturklima – fast zehn Prozent ihrer Netto-Werbeinnahmen verloren, Publikumszeitschriften sogar elf Prozent 9. Niemand will Anzeigen schalten, die keiner sieht. So herrschen in der Branche apokalyptische Zustände.

Die linksliberale „Frankfurter Rundschau“ ging im November 2012 in die Insolvenz – und röchelt heute nur noch mit einer Mini-Redaktion unter dem Dach der F.A.Z.-Gruppe vor sich hin. Gruner + Jahr beerdigte die „Financial Times Deutschland“ gleich ganz. In zwölf Jahren seiner Existenz arbeitete das Blatt nicht profitabel. Da hat es auch nichts genutzt, die Zeitung in einer auf Effizienz getrimmten Zentralredaktion mit anderen Wirtschaftsmedien des Hauses zu produzieren.10 Der Markt für dieses Angebot in Deutschland fehlte schlicht und ergreifend. Auch der Springer-Verlag machte 2013 schließlich Sargnägel mit Köpfen und verkaufte das „Hamburger Abendblatt“ und die „Berliner Morgenpost“ im Paket an die Funke-Mediengruppe. „Die Zeitungs- und Zeitschriftenmärkte stehen vor einem großen Konsolidierungsprozess [...] Wir haben die Axel Springer AG in den letzten zehn Jahren auf einen klaren Digitalisierungskurs ausgerichtet“, begründete Springer-Chef Mathias Döpfner den Verkauf  11. Sein Unternehmen wächst im digitalen Geschäft kräftig. Den größten Beitrag leistet dabei allerdings die Säule „Digital Classifieds“, zu denen etwa die Portale SeLoger, Immonet, Immoweb.be, StepStone, Totaljobs und meinestadt.de gehören 12. Das ist zwar „was mit Medien“, aber kein Journalismus.

Auf der weltanschaulichen Gegenseite sieht es richtig trübe aus: Die taz liegt zwar noch am Kiosk, ist aber in einem tuberkulösen Zustand. Bei den Hungerlöhnen, die Volontäre und Redakteure dort bekommen, kann von einem tragfähigen Geschäftsmodell keine Rede sein. Eher von Liebhaberei oder Masochismus 13. Das alles ließe sich fortsetzen, und vielen regionalen Monopolzeitungen steht wohl ebenfalls ein düsteres Schicksal bevor. Redaktionen werden zusammengelegt, ausgegliedert, reduziert. Kosten runter, was es wolle. Das führt zu einem beispiellosen Braindrain. Teure und erfahrene Leute landen im Vorruhestand oder auf der Straße, der kreative Nachwuchs bleibt weg. Traumberuf Redakteur? Noch gibt es mehr Bewerber als nötig bei den Journalistenschulen. Aber die Generation Y hat Ansprüche: flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien, leistungsgerechte Vergütung 14. Die Arbeitszeiten für Journalisten sind mies und Chefredakteure führen ihren Laden oft im preußischen Kasernernhofton. Die Vergütung? Immer schlechter, dazu Wochenendarbeit und unbezahlte Überstunden. Zeitungen und Zeitschriften bekommen so über kurz oder lang ein Nachwuchsproblem in Management und Redaktion. Der Lack ist einfach ab.

extreme aufmerksamkeitsökonomie

Journalist war einmal ein Traumberuf. Heute ist die Euphorie bei Studierenden diesbezüglich gedämpft. Kein Wunder. Zeilenhonorare von nur noch zehn bis 20 Cent sind für freie Mitarbeiter üblich. Macht eine Handvoll Euro für eine Theaterrezension, ohne Spesen natürlich. Da legt man drauf. Redaktionell bewegt sich daher vor allem der Lokaljournalismus fast flächendeckend auf einem erbärmlichen Niveau. Inhaltlich, gestalterisch, stilistisch. Als „Freie“ schreiben zunehmend Rentner für Rentner. Heraus kommt ein Produkt, das in dieser Form niemand braucht. Schade um das Papier.

Wirtschaftlich schwieriger sieht es zunehmend auch bei den großen Publikumszeitschriften aus – wie beim „Stern“ und „Spiegel“. Wenn dreimonatlich die IVW-Analysen ins Haus flattern, werden Chefredakteuren und Verlagsmanager blass: „rote Zahlen überall“ 15. Optimisten halten mit den guten Reichweiten dagegen. Diese werden über eine Befragung ermittelt, und ja, sie sind noch ordentlich. Aber selbst hier steht über alle Titel hinweg ein Minuszeichen 16. Entsprechend werden Redaktionen ausgedünnt. Es gibt Ressortleiter ohne einen einzigen Mitarbeiter, und manche Fachzeitschrift ist lange schon eine Ein-Mann-Redaktion. Über die Hälfte aller Journalisten beurteilen ihre Arbeitsbedingungen entsprechend als weniger bis nicht gut 17. Wer einmal in solchen Strukturen gearbeitet hat, der weiß: Innovationen und Impulse sind von hier aus nicht zu erwarten. So betont Christian Goedecke, Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse (agma) und im Hautberuf Leiter Media-Marketing beim Spiegel Verlag: Künftig sei es bei den Analysen der Magazine wichtiger, „crossmediale Reichweiten zu erheben. So lasse sich die Stärke der Publikumszeitschriften – auch als Dachmarken – herausstellen“ 18. Sprich: Man rechnet vernünftigerweise weiter mit fallenden Druckauflagen. Die Verlage setzen weniger auf gedruckte Inhalte, sondern auf Ihre Marke und eben – das Netz.

Das Geschäftsmodell Online-Journalismus folgt jedoch den Regeln einer extremen Aufmerksamkeitsökonomie. Noch immer sind die meisten Angebote im Web, wenn auch unter-, so doch hauptsächlich werbefinanziert. Geld bringen Klicks auf Anzeigen. Je mehr Menschen auf eine Seite kommen, desto höher die Klickwahrscheinlichkeit. Je mehr Content ich auf meine Seite packe und je öfter diese aktualisiert wird, desto mehr Cents pro Anzeige fallen für mich ab. Nur Masse bringt Kohle. Entsprechend stehen Journalisten im Alltag unter „starkem bis sehr starkem wirtschaftlichem Druck“ 19.

Die Folge ist ein Copy-Paste-Instant-Liveticker-Journalismus. News werden im Nu von anderen Medien kopiert, umgeschrieben und sofort die eigene Seite gepackt. Für tiefe Recherchen fehlen zeitliche und personelle Ressourcen – und angesichts eher rudimentär ausgebildeter Online-Journalisten zunehmend auch die Kompetenz. „Every decision a publisher makes is ruled by one dictum: traffic by any means“ 20, schreibt „Media-Manipulator“ Ryan Holiday treffend.  Berichtet wird, was schnell zu verarbeiten ist.  „Jedes Medium im Internet wird zum Boulevard-Medium (…), Relevanz ist kein Kriterium, Klicks gehen immer vor Qualität“, brachte es Stefan Niggemeier bei einem Vortrag der DJV-Konferenz 2008 auf den Punkt 21. Die Lage hat sich seither noch verschärft, denn neue Online-Plattformen prägen die Nutzergewohnheiten. Bei Twitter, Instagram, Facebook & Co. wird häppchenweise konsumiert – und der Journalismus muss diesem Trend folgen, ob er will oder nicht. Themen sind radikal zugespitzt, drehen sich schneller, und Texte enden mit Cliffhangern, die penetrant zum Weiterklicken drängen. Onlinemedien richten sich radikal auf den Nutzer aus, verlegerische Prinzipien spielen im Grunde keine Rolle mehr. Es geht atemlos zu im Internet. Und obwohl die Plattformen von journalistischen Megamarken wie  „Bild“ und „Spiegel“ täglich Millionen Besucher anziehen, sind die Erlöse bescheiden. Klassische Display-Werbung funktioniert nicht wie erhofft. Die Klickraten auf Banner sind unterirdisch. „Von Qualitätsjournalismus im Netz allein kann man nicht leben“, sagte Hubert Burda auf dem DLD-Panel „Future of Journalism“ 2014 22. Sein Konzern macht mittlerweile ebenfalls einen stattlichen Umsatz im Digitalbereich. Doch auch hier stammt das Gros aus E-Commerce-Angeboten wie Holidaycheck oder Xing. Es ist fraglich, ob Paid Content – also das Bezahlen von journalistischen Online-Angeboten, wie es der Springer-Verlag mit „Bild Plus“ und „Welt Online“ praktiziert – eine neue Zeitrechnung für den Online-Journalismus einleitet. Für deutschsprachige Angebote dürfte schlicht die kritische Masse an zahlungswilligen Kunden fehlen, die fallenden Erlöse aus dem Printgeschäft sind so kaum aufzufangen.

Zeitverschwendungsgeschäft

Kluge Journalisten erkennen, dass sie „nur offiziell im Informationsbusiness tätig sind. In Wahrheit sind wir im Zeitverschwendungsgeschäft.“ 23 Eine Logik, die die „Huffington Post“ konsequent in das wohl erfolgreichste journalistische Geschäftsmodell neuer Art verwandelt hat. Ihre Redaktion durchsucht das Netz nach Themen, arrangiert diese und vermarktet sie über soziale Netzwerke. Designer, Programmierer und Texter arbeiten in enormem Tempo – alle 56 Sekunden erscheint auf der Seite etwas Neues. Täglich sind es über 1.600 Nachrichten, Reportagen und Kolumnen. Ergebnis ist kein Nachrichtenangebot, sondern eine Konversationsplattform. Die meisten Autoren schreiben sogar kostenlos, um Aufmerksamkeit für sich oder ihre eigenen Dienstleistungen zu bekommen 24. Das scheint für alle Seiten aufzugehen: Für die HuffPost, die international wächst und wirtschaftlich erfolgreich ist. Für die Autoren, die Aufmerksamkeit gewinnen. Und für das Publikum, das immer und immer wieder vorbeischaut. Kein Wunder, dass Gründerin und Namensgeberin Ariana Huffington die Welle weiter reiten will. 2014 bringt sie mit der „World Post“ eine weitere Nachrichten- und Kommentarwebsite an den Start. Zielgruppe sind Politiker und Wirtschaftsgrößen. Mitfinanziert wird das elitäre Angebot vom umstrittenen Multimillionär und Karstadt-Eigner Nicolas Berggruen. Uneigennütziger wirkt – zumindest bisher – die Übernahme der „Washington Post“ durch Amazon-Gründer Jeff Bezos. Im Mäzenaten-Modell liegt vielleicht ein Zukunftsgeschäftsmodell des Journalismus: Komplett von Stiftungen finanziert sind beispielsweise schon der britische „Guardian“ und die investigative Non-Profit-Plattform „ProPublica“ – die aber nur rund 40 festangestellte Journalisten beschäftigt 25.

Doch die Veränderungen treffen nicht nur die Printbranche. Auch die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender lassen sich vom hektischen Rhythmus des Webs treiben. Nur ein Beispiel: Als im April 2013 das Steuerverfahren gegen Uli Hoeneß öffentlich wurde, veranstalteten ARD und ZDF unabhängig voneinander eine Talkshow-Festspielwoche zum gefallenen Helden. Ausgiebig behandelt wurde das Thema am 21. April bei „Günther Jauch“, am 22. bei „Hart aber fair“, bei „Markus Lanz“ am 23., 24. und 25. sowie bei „Maybritt Illner“ am 25. April 2013. Dumm nur: Fakten gab es zu diesem Zeitpunkt gar keine. Dafür viel Meinung, viele Vermutungen, viel Prominenz und ein gigantisches öffentliches Interesse – es wurden schon aus weniger Zutaten mitreißende Boulevardgeschichten gestrickt. Den desolaten Zustand der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten hat Hans-Peter Siebenhaar in seinem Buch „Die Nimmersatten“ ausführlich seziert. Es sei an dieser Stelle zur Lektüre empfohlen. „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk betreibt 22 Fernsehkanäle und 67 Radiosender. 25 000 Festangestellte und Zehntausende freie Mitarbeiter arbeiten dafür. Und dennoch sind die Scoops mehr als überschaubar. Die großen investigativen Recherchen kommen in der Regel aus der Printbranche“, so Siebenhaar 26. Und gelingt doch einmal eine kleine Sensation, wie im Januar 2014 das NDR-Exklusivinterview mit Edward Snowden, versteckt die ARD sie weit hinten auf einem nächtlichen Sendeplatz. Orientierung ist das, was wir uns von den Massenmedien erwarten. Früher sortierte die Tagesschau für uns die Welt. Heute ist sie nur noch eine Momentaufnahme irrlichternder Nachrichten auf allen Kanälen.

CHANCEN DER POSTAPOKALYPSE

Und auch im TV werden die Spielregeln gerade neu geschrieben – mit ungewissem Ausgang. Fakt ist: Immer mehr Geräte sind mit dem Internet verbunden, und Filme kommen zunehmend direkt auf Abruf ins heimische Wohnzimmer. Zuschauer verspeisen Staffeln von Serien wie „Walking Dead“ daher gleich in einem ganzen Haps. Glaubt man den Beratern von PWC, wächst der Umsatz mit Video-on-Demand bis 2017 jährlich um ein Drittel. Die Folge: Nicht-lineare Inhalte ziehen die Aufmerksamkeit vom klassischen TV ab, können „Investitionen in klassische First-Screen Werbung bedrohen“ – und gefährden damit die wirtschaftliche Basis der Sender 27. In den USA rollt die Online-Videothek Netflix bereits den Markt auf. Für eine Flatrate von umgerechnet sechs Euro sehen Zuschauer, was und wann sie wollen. Der Anbieter wächst rasant und expandiert weltweit 28. Konkurrenten wie Lovefilm, Itunes oder das Sony Playstation Network sind Deutschland ohnehin bereits erfolgreich. Wenn Filme und Serien künftig immer stärker individuell aus dem Netz bezogen werden – was passiert dann mit den informativen, meinungsprägenden Sendungen, die sonst so sorgfältig um die fiktionalen Programmbestandteile herumgebaut werden? „Die Annahme ist, dass Nutzungsmodi, die mit einem klaren Bezug zu größeren Öffentlichkeiten verbunden sind, für die öffentliche Meinungsbildung relevanter sind als Modi, in denen die Nutzer vor allem an die Erfüllung individueller Vorlieben denken“ 29. Kurz: Meinungsbildende Sendungen verlieren an Relevanz. Deutsche Sender konkurrieren mit internationalen Unterhaltungsanbietern, die ihre Inhalte über das Netz heute ebenfalls direkt in die Haushalte der Kunden streamen können. So wird sich der Kampf um das Publikum weiter verschärfen. Die Orientierungsfunktion des Fernsehens nimmt weiter ab, wirtschaftlich kommen vor allem die privaten Sender und Sendeformate mittel- und langfristig massiv unter Druck.

Nun, wenn Ihnen vieles, was Sie in diesem Abriss über den Zustand der Presse und des Rundfunks gelesen haben, bekannt vorkam – dann war es für Sie hoffentlich eine gelungene Zusammenfassung. Wenn nicht, sind wir jetzt auf einem gemeinsamen Stand. Vor allem im Printbereich sind wir Zeugen einer Apokalypse. Natürlich gibt es noch erfolgreiche Zeitungsprodukte. „Die Zeit“ war vielleicht nie so einflussreich wie heute. Und ja, manche Blätter führen in Nischen ein fantastisches Dasein. Aber das ändert nichts, dass die wirtschaftliche Basis des Gesamtsystems mit den fallenden Auflagen wegbricht. Dass Zeitungen, Zeitschriften und TV ihre Orientierungsfunktion nicht mehr wahrnehmen können. Die Printmedien, über die wir in Marketing und PR seit Jahrzehnten unsere  Botschaften in die Welt tragen konnten, existieren nur noch als Hülle. Längst fließt das Kapital großer Verlagshäuser nicht mehr in den Ausbau des Kerngeschäfts 30, sondern vor allem in Online-Aktivitäten wie Immobilien- oder Partnerbörsen. Für die Weiterentwicklung des journalistischen Personals, für journalistische Innovationen mit langfristiger Perspektive fehlen Mut und Kapital. Und ein zahlungsbereites Publikum.

Derweil hecheln die Zombie-Medien im Netz von einer News zur nächsten, ferngesteuert nicht durch verlegerische, sondern primär durch ökonomische Prinzipien. Sie werden zu Handlungen gezwungen, die sie im wachen und gesunden Zustand niemals begehen würden – Storys ohne Recherchen bringen, belanglose News zu Sensationen aufzubauschen und ihre Webseiten im Liveticker-Modus zu aktualisieren. Fast alle machen das so. Sie verlieren Qualität. An Auflage. Und an Einfluss. Nie war es so einfach, seine eigenen PR-Meldungen in nahezu identischer Form in der Presse zu platzieren. Aber nie verpuffte die Wirkung so schnell wie heute. Paradoxerweise geben Nutzer dem für sie unglaubwürdigsten Medium zunehmend den Vorzug – dem Internet. Gute, verlässliche Informationen zu bekommen wird künftig also noch schwieriger, und das bei einem steigenden Bedarf.

Journalisten fürchten derzeit also um ihre Jobs und arbeiten für Hungerlöhne. Marketingverantwortliche werden künftig hochwertige Umfelder für ihre Botschaften mit der Lupe suchen müssen. Und Ihre PR-Kollegen haben es in der boulevardisierten Instant-Medienlandschaft immer schwerer, Themen zu setzen und differenziert zu argumentieren. Eine Endzeit trifft eben alle. Doch kein Grund zur Panik. In der Postapokalypse sortieren sich die Dinge neu. Überlassen wir die Zombies sich selbst und schauen wir, wie Unternehmen und Organisationen das Siechtum der klassischen Medien doch noch für sich nutzen können – zum Vorteil von Journalisten und Konsumenten. Da spielen Mäzenatenmodelle, der unstillbare Informationshunger und veränderte Nutzergewohnheiten zusammen. Doch in erster Linie kommt es auf Marken und ihre Rollen in diesem neuen Zeitalter an. Mehr dazu im nächsten Teil.

Hier geht es zur ersten Folge.

Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

  1. Sesslen, Georg und Weil, Claudius: Kino des Phantastischen. Geschichte und Mythologie des Horror-Films. Hamburg 1980, S. 24  (back)
  2. Mittlerweile als Public Domain verfügbar: http://www.youtube.com/watch?v=xrg73BUxJLI  (back)
  3. http://buchperlen.wordpress.com/2013/12/10/das-cabinet-des-dr-caligari-digitale-restaurierung/  (back)
  4. Metz, Markus und Sesslen, Georg: Wir Untote!, Berlin 2012, S. 7  (back)
  5. Weichert, Stephan; Kramp, Leif und Jakobs, Hans-Jürgen: Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert. Göttingen 2010  (back)
  6. http://www.bdzv.de/markttrends-und-daten/wirtschaftliche-lage/artikel/detail/zur_lage_der_zeitungen_in_deutschland_2001/  (back)
  7. http://www.bdzv.de/markttrends-und-daten/wirtschaftliche-lage/artikel/detail/zur_wirtschaftlichen_lage_der_zeitungen_in_deutschland_2013/  (back)
  8. Clasen, Nicolas: Der digitale Tsunami. Seattle 2013. S. 18  (back)
  9. Im gleichen Zeitraum ist die Investition in Online-Werbung in Deutschland um neun Prozent gewachsen. Vgl. http://www.zaw.de/index.php?menuid=33  (back)
  10. Eine ganz schlechte Idee, weil dadurch die an sich solide laufende Zeitschriften „Capital“ und „Impulse“ ihre DNA verloren.  (back)
  11. Die Mail an die Mitarbeiter im Wortlaut: http://meedia.de/2013/07/25/dopfner-funke-als-idealer-kaufer-und-partner/  (back)
  12. http://www.axelspringer.de/presse/Axel-Springer-mit-kraeftigem-Umsatz-und-Ergebniswachstum-im-digitalen-Geschaeft_19005934.html  (back)
  13. http://blogs.taz.de/hausblog/2013/11/06/die-niedrigen-gehaelter-der-taz/  (back)
  14. Odgers-Berndtson: Manager Barometer 2013. http://www.odgersberndtson.de/fileadmin/uploads/germany/Documents/Studien/Odgers_Berndtson_Manager-Barometer_2013.pdf  (back)
  15. http://meedia.de/print/ivw-blitz-analyse-rote-zahlen-ueberall/2014/01/20.html  (back)
  16. http://www.absatzwirtschaft.de/content/communication/news/zeitschriften-reichweite-stabil-zukunft-crossmedial;79013  (back)
  17. Marketagent: Journalistenbarometer 2010, S. 6  (back)
  18. http://www.absatzwirtschaft.de/content/communication/news/zeitschriften-reichweite-stabil-zukunft-crossmedial;79013  (back)
  19. Marketagent: Journalistenbaromer 2010. S. 10  (back)
  20. Holiday, Ryan: Trust me, I´m lying. Confessions of a Media Manipulator. New York 2012, S. 33  (back)
  21. http://www.stefan-niggemeier.de/blog/schlechter-online/  (back)
  22. http://dld-conference.com/videos/xxux-y9PZ8w  (back)
  23. Seibt, Constantin: Journalismus ist ein Existenzialismus. http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/55/journalismus-ist-ein-existentialismus/  (back)
  24. Hamann, Götz: Alle 56 Sekunden was Neues. In: Die Zeit 41/2013, http://www.zeit.de/2013/41/medien-online-huffington-post  (back)
  25. http://www.propublica.org/about/  (back)
  26. http://www.hanspetersiebenhaar.de/interviews.html  (back)
  27. Whitepaper PWC: Media Trend Outlook: Smart-TV – Mehrwert für den Konsumenten, mehr Umsatz für die Medienbranche. 2013. S. 17 http://www.pwc.de/de_DE/de/technologie-medien-und-telekommunikation/assets/whitepaper-smart-tv.pdf  (back)
  28. http://www.usatoday.com/story/money/business/2013/10/21/netflix-3q-earnings/3145683/  (back)
  29. Hasebrink, Uwe: Lineares und nicht-lineares Fernsehen aus der Zuschauerperspektive. Studie Hans-Bredow Institut. Hamburg 2009, S. 59  (back)
  30. Ob das die richtige Strategie ist, sei dahingestellt.  (back)

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Gute und fundierte Analyse – und ja, leider nichts Neues. Die ersten (wissenschaftlich publizierten) Erkenntnisse zur wirtschaftlichen Herausforderung des Internets für Tageszeitungen gab es selbst hierzulande schon Mitte/Ende der 90er (Abgesehen davon sank die verkaufte Reichweite ja schon lange vor der Verbreitung des Webs). Die Reaktionsgeschwindigkeit der Verlage war (zumindest im Print-Bereich, wo ich es einigermaßen beurteilen kann) erschreckend langsam. Ob das der Tod des Journalismus und der Zeitung (ob nun gedruckt oder online) generell ist, weiß ich nicht. Aber ich habe meine Zweifel, ob es in Zukunft überall täglich erscheinende Regionalzeitungen geben wird. Gut (!) gemachte Wochenzeitungen könnten meines Erachtens aber – in Anlehnung an das Erfolgsmodell “Die Zeit” – auch auf regionaler Ebene funktionieren. Die Herausforderung und Chancen für die PR finde ich mindestens ebenso spannend wie Sie – nicht zuletzt findet man ja schon seit geraumer Zeit besonders hochwertige journalistische Angebote im CP.

    Ein Punkt noch zum Schluss: Ich glaube, dass für den Bedeutungsverlust der Medien als Orientierungshilfe gerade im Fernsehen – neben der von Ihnen erwähnten Punkte – vor allem die Fragmentierung verantwortlich ist. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als es lediglich drei deutsche TV-Sender gab – und deren Programm auch fast durchgehend noch sehenswert war.

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  2. Der Analyse ist nichts hinzuzufügen. Eine Endzeit trifft eben alle, stimmt, aber die Kollegen PR-Fachleute sind überwiegend noch nicht so weit, ihre Übermacht gegenüber den Redaktionen als Pyrrhussieg zu begreifen. Einige hochwertige journalistische Angebote im CP, die ich auch sehe und begrüße, machen noch keinen Frühling, der Hoffnung keimen ließe, dass sich die Dinge sinnvoll neu sortieren. Dazu braucht es ein bisschen mehr, als dass sich die Protagonisten partikularer Interessen als Mäzene betätigen. Dazu bräuchte es Instanzen, die gerade nicht den Konsumenten, sondern ganz altmodisch den Bürger im Blick haben, die nicht den Eigennutz, sondern das Gemeinwohl zu ihrer Richtschnur machen – so unvollkommen und irrtumsanfällig, wie das nun einmal menschlich ist. Solange es nicht einmal ein Vision in diese Richtung gibt, fürchte ich, muss man alle Hoffnung fahren lassen.

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