1. Autisten ohne Superkräfte

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Der Hubschrauberflug über New York dauert ein paar Stunden. Das reicht. Wenn Steven Wiltshire wieder auf dem Boden gelandet ist, greift er zum Bleistift. In nur wenigen Tagen zaubert er das Panorama New Yorks auf die Leinwand. Mit atemberaubenden Details: Fenstersimse, Hochhäuser, Straßenschluchten – als hätte er beim Zeichnen ein Foto direkt vor sich. Aber da ist keines. Er malt aus dem Gedächtnis. In Bleistift-Full-HD. Kein Wunder, dass es dieser Mensch als die „lebende Kamera“ zu Weltruhm und zum „Member of the Order of the British Empire“ gebracht hat: Steven Wiltshire ist ein Savant, ein Autist mit einer Inselbegabung. Als ich den Film über ihn gesehen habe, saß ich noch Minuten danach mit offenem Mund vor dem Fernseher. Einfach unglaublich.

Weltweit gibt es nur wenige Menschen mit solchen Ausnahmetalenten. Einige von ihnen können besonders gut rechnen, andere sind extrem musikalisch. Der blinde Tony DeBlois etwa beherrscht Tausende Lieder auswendig auf rund 20 Instrumenten. Inselbegabungen können sehr verschieden sein. Dagegen stellt der normale Alltag Savants oft vor unüberwindliche Hindernisse. Ohne Hilfe eine Straße überqueren? Für viele von ihnen ein Horror.

Wieso aber scheitert jemand mit Superkräften an Dingen, die für den größten Teil der Menschheit selbstverständlich sind? Wie zu allen Fragen gibt es auch hier eine Fülle wissenschaftlicher Theorien. Eine davon: Bei Savants funktionieren offenbar bestimmte Filtermechanismen im Gehirn nicht. Sie werden von Sinneseindrücken überrollt und sind daher außerstande, die Flut an Informationen zu verarbeiten. Alle Eindrücke – ob der Stand der Sonne, die von links und rechts herannahenden Fahrzeuge und das, was der Begleiter in diesem Moment sagt – haben dieselbe Priorität. Kaum möglich, sich so zielgerichtet für eine Handlung zu entscheiden und etwa bei Grün über die Ampel zu gehen. Vielleicht ahnen Sie, worauf ich hinaus will: Uns allen geht es heute ähnlich wie Savants, auch wenn sich die zugehörigen Superkräfte nicht so recht einstellen wollen. „We are drowning in Information, but starving for knowledge“, hat es der amerikanische Zukunftsforscher John Naisbitt in seinem Buch „Megatrends“ 1 treffend formuliert. Im Erscheinungsjahr 1982 konnte er allerdings nicht einmal ansatzweise vorausahnen, wie schnell sich die Informationsflut in einen dauerhaften Datentsunami verwandeln würde, der alle privaten und beruflichen Sicherheiten mitreißt 2. Big Data heißt das Phänomen, das selbst für Computerfachleute und Unternehmen zum ernsthaften Problem wird, ihnen aber zugleich völlig neue Chancen eröffnet. Sie suchen und entwickeln Ablage- und Analysemöglichkeiten für die sekündlich wachsenden Datenberge 3.

Ein paar Zahlenspiele, die zur Veröffentlichung des Beitrags bereits längst wieder überholt sind, weil sich Daten bekanntermaßen exponentiell vermehren: Pro Minute werden 72 Stunden neues Videomaterial auf YouTube hochgeladen 4. Im selben Zeitraum werden über 2.500 Webseiten gelauncht und mehr als 160 Millionen E-Mails verschickt. An einem Tag verarbeitet Facebook rund 500 Terabyte an neuen (!) Daten. Das sind zwischen 400 und 500 Billionen bedruckte Buchseiten. Mindestens. Auf CD-ROM gebrannt hätte die Menge aller weltweit aufgezeichneten Informationen bereits im Jahr 2007 einen Turm ergeben, der bis weit hinter den Mond reicht 5. Im Jahr 2012 schätzten Analysten des Speicherherstellers EDC die erzeugte Datenmenge bereits auf 2,8 Zettabyte (ein Zettabyte hat 21 Nullen), es bis 2020 sollen es sogar 40 Zettabyte sein. Diese Zahl entspricht nach EDC-Berechnungen der 57-fachen Anzahl der Sandkörner auf allen Stränden der Erde. Das ist selbst von den beteiligten Forschern nur näherungsweise zu ermitteln (man bekommt für solche Studien aber immer viele Schlagzeilen). Halten wir einfach fest: Die Menge der Daten ist scheißgroß.

Neun bis elf Stunden Medienkonsum pro Tag

Entsprechend werden wir im Alltag von Informationen überrollt. Nonstop. Rund um die Uhr. Sie schreien uns an. Aus dem Radiowecker am Morgen, aus dem privaten E-Mail-Postfach (darin wieder drei Newsletter, die wir nie bestellt haben), der beruflichen Inbox (darin wieder 30 E-Mails auf CC), von Plakatwänden, aus dem Briefkasten, von Titelseiten, von unseren Timelines, aus dem Internet, aus dem Smartphone und natürlich: aus dem Fernseher. Je nachdem, welcher Studie wir folgen, bringt jeder einzelne in Deutschland rund neun bis elf Stunden täglich damit zu, sich mit Rundfunk, Internet oder bedrucktem Papier zu beschäftigen. Täglich prasseln zwischen 5.000 und 10.000 Werbebotschaften auf uns ein. Und allein den USA halten sich die Menschen pro Tag 53 Milliarden Minuten auf Facebook auf 6. Nur die allerwenigsten User allerdings laden im Web wirklich regelmäßig Content hoch 7. Es wird vor allem passiv konsumiert. Input. Input. Input. Wer soll in diesem ohrenbetäubenden Rauschen und Dauergequatsche noch das wirklich relevante herausfiltern?

Im Zweifel Google. Rund zwei Millionen Suchanfragen stellen Menschen dort pro Minute. Doch die Algorithmen von Sergy Brin und Larry Page fördern vieles zutage, nur keine klaren Antworten. Meinungen und deren Alternative sind nur ein Suchergebnis voneinander entfernt – je nachdem, wie gut die Betreiber ihre Webseiten optimiert haben.

Haben Sie beispielsweise endlich eine passende Seite gefunden – etwa auf der Suche nach dem nächsten Urlaubsziel – geht das Spiel von vorne los. Die positive Bewertung eines Hotels steht direkt neben einer Kritik mit Kakerlaken in Großaufnahme („Unsere Haustierchen auf Ibiza. Nie wieder!!!!“) 8. Igitt. Dann doch lieber woanders hin. So kann es mit der Buchung schon ein paar Tage dauern: Die Ehefrau quengelt, der Arbeitgeber drängelt („Wann nehmen Sie endlich den Resturlaub?“). Aber Sie suchen noch das günstigste Angebot mit der besten Nutzerbewertung, die ideale Abflugzeit und das preiswerteste Hotel mit dem Zimmer mit Meeresblick zu einer Zeit, in der es laut Wetterstatistiken möglichst wenig regnet. Da kommt man schnell von einem zum andern. Am Ende landen Sie doch wieder in St. Peter Ording wie all die Jahre zuvor. Da weiß man eben, was man hat.

Wenn uns schon ausgeklügelte Suchmaschinen und die massenhaften Bewertungen anderer User keine verlässlichen Antworten geben können, vielleicht sollten wir uns lieber auf Experten verlassen? Beispielsweise wenn es ums Thema Geld geht. Konkreter: den Umgang mit Geld in einer andauernden weltweiten Finanzkrise. Nehmen wir an, Sie sind wirtschaftlich vorgebildet und wollen in der Niedrigstzinsphase wissen, wie Sie Ihre paar gesparten Euros anlegen sollen. In eine Wohnung investieren? Aktien kaufen? Verjuxen? Oder besser Survival-Kits kaufen, weil Sie sich nach Zusammenbruch des Währungssystems einige Zeit lang autark ernähren müssen? Bald, sehr bald stellen Sie fest: Es gibt zu diesem Thema Hunderte Experten aus allen Fach- und Himmelsrichtungen, viele davon kennen Sie aus dem Fernsehen, manche haben lustige Bärte, aber alle sagen etwas anderes. Etwas VÖLLIG anderes. Sie werden rational nicht ermitteln können, wie sie Ihr Geld anlegen oder sich in dieser Lage verhalten sollen. Geschweige denn, dass eine Lösung der Währungskrise in Europa tatsächlich in Sicht wäre. Vorschläge gibt es genug: Von der Finanzierung insolventer Länder über Sondersteuern, der Wiedereinführung nationaler Zahlungsmittel, dem Austritt Deutschlands aus der Währungsunion bis zum Anschluss unseres Kontinents an China war so ziemlich jede Idee schon dabei. Antworten? Fehlanzeige.

Das Netz lässt nichts verborgen für die, die es bedienen können

Die Strahlkraft dieser Experten speist sich meist aus akademischen Titeln, einer erfolgreichen oder zumindest abwechslungsreichen Lebensgeschichte und/oder medialer Reputation. Doch diese Autorität ist futsch, wenn Informationen nicht mehr kontrolliert werden können und sich immer mehr Menschen dieselbe Bühne teilen – und das Publikum noch dazu sieht, was hinter der Bühne eigentlich los ist. Heute können wir mit wenigen Klicks recherchieren, dass ein Fachmann in der Vergangenheit mit seinen Prognosen häufiger danebenlag. Dass er auf Amazon sein eigenes Buch mehr als wohlwollend rezensiert hat. Und im Zweifel finden wir auch mal einen seiner Tweets, der eindeutig dafür spricht, dass der Gute die letzte Nacht durchgefeiert hat. „Die elektronischen Medien unterminieren den traditionellen Status, indem sie Hintergrund-Verhalten zugänglicher machen“ schrieb Joshua Meyrowitz bereits 1985 in „No Sense of Place: Die Fernsehgesellschaft“ 9. Ein Buch, das die Folgen der „Internetgesellschaft“ vorausschauend weit besser erklärt als so mancher Bestseller jüngeren Datums. Damals ging es um das Fernsehen als Enthüllungsmaschine, die Schlaglichter auf das Geschehen hinter den Bühnen warf. Mit dem sozialen Netz ist jetzt das Flutlicht eingeschaltet worden.

Nehmen wir das Beispiel Karl-Theodor zu Guttenberg, dem immer noch prominentesten Fall gemeinschaftlicher Online-Demontage. Smart, gutaussehend und mit adliger Historie versehen war der politische Hoffnungsträger der CSU in rasendem Tempo vom Nobody zu Everybody´s Darling aufgestiegen. Als Wirtschaftsminister widersetzte er sich öffentlichkeitswirksam neuen Krediten für Opel, als Verteidigungsminister brachte er die Reform der Bundeswehr auf den Weg. Er galt als größte Hoffnung seiner Partei und war bundesweit und parteiübergreifend umschwärmt. Vor allem dank großer Schlagzeilen und spektakulär fotografierter Bilder, die wir so von deutschen Politikern lange nicht gesehen haben: Guttenberg als Weltmann auf dem New Yorker Times Square, Guttenberg im Kampfanzug in Afghanistan, Guttenberg und seine Gattin auf den roten Teppichen dieser Welt. Eine Lichtgestalt. Die „fabelhaften Guttenbergs“ 10 waren 2010 im „Paarlauf ins Kanzleramt“ unterwegs. Dass es bei dieser massiven Medienpräsenz ausgerechnet ein akademisch vorgebildeter Internet-Mob war, der den Kanzler der Herzen als Hochstapler im Jahr 2011 entlarvte, ist bezeichnend. Sie erinnern sich: Binnen weniger Wochen wurde Guttenbergs Doktorarbeit online durchpflügt und als Plagiat enttarnt 11. Statt im Kanzleramt sitzt der einstige CSU-Hoffnungsträger jetzt im Exil in Washington. Eine charismatische Führungskraft weniger, eine Enttäuschung mehr. Das Internet hat erheblichen Anteil daran. Es lässt nichts verborgen für die, die es bedienen können. Über ein Jahr nach Guttenbergs Fall listet die „kollaborative Plagiatsdokumentation“ im Web bereits 33 verdächtige Arbeiten auf. Sechs Personen wurde die Doktorwürde wegen der Recherchen auf der Plattform bereits aberkannt , darunter Silvana Koch Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis (beide FDP). Seien Sie also auf der Hut, falls Sie selbst noch über eine Promotion nachdenken!

Doch all das sind Peanuts gegen die Enthüllungen von Wikileaks um ihren Initiator Julien Assange. Auf der Internetseite konnten bis September 2010 Dokumente anonym veröffentlicht („geleaked“) werden, die sonst nur einem kleinen Kreis von Menschen zugänglich sind. Für Regierungschefs oder Geheimagenten ist es bekanntermaßen nicht besonders lustig, Dokumente mit Top-Secret-Stempel eines Morgens im Internet zu sehen. Entsprechend groß war das internationale Aufsehen im November 2010, als Wikileaks mehr als eine Viertelmillion US-amerikanische Geheimdienstberichte auf einen Schlag veröffentlichte. Doch „Informationsmasse erzeugt noch keine Wahrheit“ 12. Aus dem Zusammenhang gerissen erschlossen sich die Dokumente nur äußerst begrenzt. Viele waren bisweilen eher komisch als erhellend. „He´s no Genscher“, stand da etwa über Außenminister Westerwelle. Na da schau an! Publiziert wurden über die Jahre außerdem interne Unterlagen von Banken, geheime Abkommen zwischen Regierungen oder beispielsweise Pläne zur Unglücks-Loveparade 2010 in Duisburg. Das erstmals professionell für den Endkonsumenten aufbereitete Video eines Luftangriffes in Bagdad 2007 sorgte ebenfalls weltweit für Schlagzeilen. Die Aktivisten waren mit dem Ziel angetreten, mehr Transparenz zu schaffen und korrupte Organisationen unter Druck zu setzen. Das haben sie in Einzelfällen erreicht. Insgesamt hat Wikileaks dazu beigetragen, das Vertrauen in Institutionen zu untergraben. Völlig erodiert ist es schließlich mit den unglaublichen Enthüllungen des Ex-NSA-Mitarbeiters Edward Snowdon im Jahr 2013. Wir sind misstrauischer geworden: „Die“ haben doch alle etwas zu verbergen.

Technologische Basis von Wikileaks ist – wie bei den Promotions-Plagiatsjägern auch – ein Wiki. In diesem Content-Management-System können Inhalte prinzipiell von jedem User erstellt und verändert werden. Sieht nicht schön aus, ist aber komfortabel. Bestes Beispiel dafür ist die Enzyklopädie Wikipedia, die dem Brockhaus und der gedruckten Encyclopedia Britannica den Garaus gemacht hat 13. Allein die deutschsprachige Version enthält über 1,5 Millionen Artikel, die von mehreren tausend (vor allem männlichen) Hobbyautoren gemeinsam verfasst worden sind. Jeder kann Themen schreiben und verändern, die redaktionelle Kontrolle übt die Community aus. Zahlreiche Relevanzkriterien sollen dazu beitragen, dass nur wirklich in der Enzyklopädie steht, was in eine Enzyklopädie gehört. Unternehmen und Organisationen unterwandern die Plattform allerdings systematisch. Und manchmal kommt es eben raus. Die Lobbyisten der Londoner Agentur Bell-Pottinger rühmten sich im Jahr 2011 damit, Einträge im Sinne ihrer Kunden zu manipulieren. Das kam bei den Wikipedia-Mitarbeitern nicht sonderlich gut an. Bell-Pottinger musste sich wegen des Einsatzes seiner „dunklen Künste“ unangenehmen Fragen stellen, Wikimedia sperrte die verdächtigen Accounts der Agentur 14. Im Oktober 2013 griff die Organisation noch härter durch: Diesmal wurden 230 Accounts geschlossen, nachdem Medien über massenhafte PR-Aktivitäten auf der Plattform berichtet hatten 15.

Das Thema Manipulationsgefahr begleitet die Online-Enzyklopädie seit dem ersten Tag. Gründer Jimmy Wales stellt das offene Prinzip auch Jahre später nicht infrage: „Wir wollen durch Autorengewinnung und mehr Diversität in der Community die Wikipedia-Autorengemeinschaft stärken. Denn je mehr Menschen mitmachen, desto besser können Manipulationsversuche erkannt und verhindert werden.“ 16. Klingt logisch. Dumm nur, dass immer weniger Hobby-Schreiber bei Wikipedia dabei sein wollen. Im Sommer 2012 waren weltweit nur noch 85.000 Autoren aktiv, 5.000 weniger als im Jahr zuvor. Auch in Deutschland sank die Zahl der Aktiven im gleichen Zeitraum um mehr als 300 auf nur noch 6.500 17.

Ein Trend, der sich fortsetzen wird. Die Euphorie der ersten Jahre ist verflogen. Wikipedia? Ist irgendwie total 2000er. Folgen wir der Argumentation von Wikipedia-Gründer Wales, werden Manipulationen also künftig eher leichter als schwieriger. Der Zweifel liest also weiter mit.

Es ist paradox: Da wissen wir heute mehr als je zuvor, greifen auf dieses Wissen (selbst wenn es Geheimwissen war) schneller zu als je zuvor und haben mehr Fachleute als je zuvor, die dieses Wissen für uns einordnen. Die Folgen dieser Transparenz sind aber keineswegs Klarheit, sondern Orientierungslosigkeit und Verunsicherung. Gut abzulesen an der Börse: Seit 2008 schwanken die Kurse in nie gekanntem Ausmaß. Binnen Sekunden kann die Stimmung am Markt von himmelhochjauchzend in zu Tode betrübt umschlagen. Der deutsche Börsenindex DAX ist zwischen 2010 und 2011 von 5.400 Punkten auf 7.400 Punkte gestiegen, Ende 2011 wieder auf 5.400 Punkte abgestürzt um Ende 2013 wieder Rekordstände über 9.500 Punkten zu erreichen. Diese extremen Ausschläge haben nicht nur ökonomische, sondern vor allem psychologische Gründe: Börsen schwanken, wenn Menschen schwanken. Mehr Informationen lassen einen eben nicht ruhiger schlafen 18. Auch der Esoterik-Boom spricht Bände. In Deutschland geben Menschen jährlich 18 bis 25 Milliarden Euro für Schamanen, Geistheiler und Wahrsager aus. Es handelt sich keineswegs um durchgeknallte Irre, sondern um Personen aus allen Bildungsschichten. Auch die Zahl der psychischen Auffälligkeiten schnellt nach oben – zumindest werden sie häufiger diagnostiziert 19. Laut einem Report der Barmer Ersatzkasse erkrankten im Jahr 2010 mehr als doppelt soviele Menschen an Depressionen wie noch 1990 20. Flächendeckend fehlt es an mehreren Tausend Psychotherapeuten, die Wartezeiten für eine Behandlung liegen je nach Region bei bis zu drei Monaten oder darüber 21. Eine Burnout-Welle rollt durchs Land. Diese bestimmte Form der Depression gilt landläufig bereits als „Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts“ 22. Das Phänomen ist ein weiteres Indiz für eine Verunsicherung und einen „Information Overkill“ historischen Ausmaßes.

Einfache Wahrheiten mag es nie gegeben haben. Heute aber wissen Sie und ich, dass es sie gar nicht geben kann. Dass die Welt komplexer ist, als wir je gedacht hätten. „Ein Mehr an Information und Kommunikation erhellt die Welt nicht. Die Durchsichtigkeit macht auch nicht hellsichtig“ 23, schreibt der Philosophieprofessor Byung-Chul Han in einem Essay. So ist es. Das Internet beschleunigt die Kommunikation in nie dagewesenem Ausmaß, es erzeugt riesige Datenmengen und wirkt als Unsicherheitsverstärker ersten Grades. Wir sind Transparenzopfer geworden. Autisten ohne Superkräfte, die sich auf nichts verlassen können. Schon gar nicht auf Journalisten und das klassische Mediensystem, das wir uns im nächsten Essay näher anschauen.


Ich freue mich auf Ihre Kommentare.

  1. Naisbitt, John: Megatrends. Ten New Directions Transforming Our Lives. New York 1982  (back)
  2. Im Jahr 1982 kam gerade der C64 auf den Markt. Ein Rechner mit der unfassbaren Leistung von 64 Kilobyte und einem Datenträger, in den noch Kassetten eingelegt werden mussten (später gab es dann immerhin handliche 5 1/4 Zoll Disketten, die bereits auf den Schulhöfen getauscht wurden und die ersten digital begründeten Urheberrechts-probleme hervorriefen). An das World Wide Web und vor allem an das revolutionäre Mitmach-Internet unserer Tage dachten da wohl nur kühne Visionäre oder Experten des US-Militärs, die bereits seit den 70er Jahren mit E-Mails arbeiteten  (back)
  3. Studie IDC: „Big Business dank Big Data? Neue Wege des Datenhandlings und der Datenanalyse in Deutschland 2012“, http://www.idc.de/press/presse_idc-studie_big_data2012.jsp  (back)
  4. Nach Angabe von YouTubes Vizepräsidenten für Inhalte, Robert Kyncl http://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article109679033/Youtube-startet-als-Sender-mit-60-TV-Kanaelen.html  (back)
  5. http://www.sueddeutsche.de/digital/datenwachstum-der-digitalisierten-welt-explosion-des-cyberspace-1.1058394  (back)
  6. Nielsen Social Media Report 2011 http://nielsen.com/de/de/insights/presseseite/2011/NielsenPressemeldung-SocialMediaReport2011.html  (back)
  7. Birgit van Eimeren, Beate Frees: Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2012. In: Media Perspektiven 7-8 2012, S. 364  (back)
  8. Achtung: Rund ein Viertel aller Hoteltests ist gefälscht!  (back)
  9. Meyrowitz, Joshua: Die Fernsehgesellschaft. Berlin/New York 1987, S. 128/129  (back)
  10. DER SPIEGEL: Titel 42/2010  (back)
  11. http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/GuttenPlag_Wiki  (back)
  12. Byung-Chul Han: Transparenzgesellschaft. Berlin 2012, S. 68  (back)
  13. The Guardian: „Encyclopedia Britannica halts print publication after 244 years“, http://www.guardian.co.uk/books/2012/mar/13/encyclopedia-britannica-halts-print-publication  (back)
  14. ZEIT: „PR-Agentur brüstet sich mit Manipulation von Wikipedia“ http://www.zeit.de/digital/internet/2011-12/bell-pottinger-wikipedia-manipulation/seite-1  (back)
  15. http://blog.wikimedia.org/2013/10/21/sue-gardner-response-paid-advocacy-editing/  (back)
  16. Ebenda  (back)
  17. TAZ: „Wenn die Besserwisser fehlen“ http://www.taz.de/!98760/; zur Entwicklung der Autorenzahlen siehe auch WIKIMEDIA Strategy Planning: http://strategy.wikimedia.org/w/index.php?title=March_2011_Update/de&uselang=de  (back)
  18. vgl. Gigerenzer, Gerd: Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München 2007  (back)
  19. Gesundheits-Report der Techniker Krankenkasse 2012 http://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/457490/Datei/81039/Gesundheitsreport%202012.pdf  (back)
  20. Barmer Krankenhausreport 2011: http://www.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Presseinformationen/Archiv/2011/110726-Krankenhaus-Report-2011/PDF-Krankenhaus-Report-2011,property=Data.pdf  (back)
  21. Bundespsychotherapeutenkammer: Psychisch kranke Menschen müssen weiter auf Behandlung warten http://www.bptk.de/stellungnahmen/einzelansicht/artikel/psychisch-kr-2.html  (back)
  22. Der Spiegel, Titel Heft 4/2011  (back)
  23. Han, Byung-Chul: Transparenzgesellschaft. Berlin 2012, S. 68  (back)

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